Eisengallus und Pigment — die drei Tintenklassen und warum sie nicht mischbar sind
Tinte ist nicht Tinte. Drei chemische Klassen — Farbstoff-Tinten, Pigment-Tinten, Eisengallus-Tinten — haben fundamental unterschiedliche Wirkungsmechanismen, Lichtechtheiten und Federverträglichkeiten. Eine Lesart der drei wichtigsten Klassen für den Schreibgebrauch.
Wer ein Tintenfass öffnet, hat es nicht mit einem einheitlichen Stoff zu tun, sondern mit einer von mindestens drei chemisch deutlich verschiedenen Klassen. Diese Klassen sind nicht untereinander mischbar — eine Eisengallus-Tinte mit einer Farbstoff-Tinte in derselben Kammer gibt unkontrollierte Reaktionen, eine Pigment-Tinte in einer für Farbstoff-Tinten ausgelegten Feder kann den Federkanal verstopfen. Wer Tinten verwendet, sollte ihre chemische Klasse kennen.
Klasse I — Farbstoff-Tinten (Dye-Based)
Die mit Abstand häufigste Klasse: Farbstoff-Tinten bestehen aus einem in Wasser löslichen Farbstoff (Triphenylmethan, Anthrachinon, Phthalocyanin sind die häufigsten Farbstoff-Familien), gelöst in Wasser mit pH-Stabilisator (typisch pH 5–7), Glycerin als Feuchthaltemittel und Konservierungsmittel (häufig Benzisothiazolinon oder Phenoxyethanol).
Charakteristik: Brillante Farben, hohe Sheen-Fähigkeit (die dunkle Phase mancher Farbstoff-Tinten zeigt auf dünnem Papier metallischen Schimmer), schnelle Federbenutzung (Tinte fließt sofort, trocknet schnell). Kehrseite: Geringe Lichtechtheit (auf Blue-Wool-Skala 2–4, das heißt: bei direkter Sonneneinstrahlung blasst die Schrift innerhalb von Wochen sichtbar aus), schlechte Wasserfestigkeit (eine ungeschützte Notiz zerläuft bei wenigen Tropfen Wasser), keine Urkundensicherheit.
Tinten dieser Klasse machen den größten Teil des Marktes aus: Iroshizuku (Pilot), Sailor Jentle, Diamine Standard, Pelikan 4001, Waterman Serenity, Lamy Standard. Sie sind die Alltagstinten, die für Notiz, Korrespondenz, Tagebuch geeignet sind — nicht für Verträge, Archivakten, Aquarell-überlagerte Skizzen.
Klasse II — Pigment-Tinten
Pigment-Tinten unterscheiden sich grundlegend: Statt eines gelösten Farbstoffs enthalten sie suspendierte Pigmentpartikel (Carbon-Pigmente für Schwarz, Eisenoxide für Erdtöne, Phthalocyanin-Pigmente als nicht-gelöste Variante für Blau und Grün). Diese Pigmente sind so fein gemahlen, dass sie als kolloidale Suspension stabil bleiben — vorausgesetzt, die Tinte wird regelmäßig bewegt.
Charakteristik: Sehr hohe Lichtechtheit (Blue-Wool 6–8, das heißt: archivtauglich über Jahrzehnte), sehr hohe Wasserfestigkeit (das Pigment bindet auf der Papierfaser, nicht in ihr — Wasser löst es nicht heraus), präzise Strichbreite (das Pigment fließt nicht in die Papierfaser hinein). Kehrseite: Gerätekritisch. Eine Pigment-Tinte, die in einer Feder länger steht (mehr als zwei Wochen ohne Schreibgebrauch), kann die Suspension aufgeben — die Pigmentpartikel sedimentieren, der Federkanal verstopft, die Reinigung ist aufwändig (Ultraschallbad, Kanal-Spülung, im schlimmsten Fall Federbruch).
Pigment-Tinten dieser Klasse: Platinum Carbon Ink (legendär unter den Pigment-Tinten, aber gerätekritisch), Sailor Kiwa-Guro (Carbon-Pigment, schwarz), Sailor Sei-Boku (Pigment, blau), De Atramentis Document Ink. Die Faustregel: Pigment-Tinten gehören in eine Feder, die täglich benutzt wird, und in eine Feder, die der Hersteller als pigmentverträglich freigegeben hat (Platinum, Sailor, De Atramentis sind die häufigsten Empfehlungen).
Klasse III — Eisengallus-Tinten
Die historisch älteste Klasse: Eisengallus-Tinten bestehen aus einer Mischung von Gallussäure (extrahiert aus Galläpfeln der Eiche), Eisensulfat (FeSO₄), Wasser und einem Farbstoff zur Auffrischung der Anfangsfarbe (typisch ein Anilin-Blau, der dem frisch geschriebenen Strich seine markante Farbe gibt). Auf dem Papier reagieren Gallussäure und Eisensulfat mit Luftsauerstoff: Das gelöste Eisen(II)-Sulfat oxidiert zu Eisen(III)-Gallat, einer wasserunlöslichen, lichtechten, tiefschwarzen Verbindung.
Charakteristik: Der Strich wirkt anfangs blau-grau, dunkelt aber innerhalb von Tagen bis Wochen zu tiefem Schwarz nach. Die Lichtechtheit ist sehr hoch (Blue-Wool 7–8), die Wasserfestigkeit ist nach vollständiger Oxidation absolut, die Urkundensicherheit historisch dokumentiert (alle wesentlichen europäischen Verwaltungsakten der letzten fünfhundert Jahre sind in Eisengallus-Tinten geschrieben). Kehrseite: Eisengallus-Tinten sind sauer (pH 2–3), sie greifen die Goldlegierung der Federn an, wenn sie länger in der Feder verbleiben. Manche Federmechaniken (besonders ältere Modelle mit empfindlicher Goldlegierung) korrodieren sichtbar nach längerem Eisengallus-Einsatz.
Moderne Eisengallus-Tinten sind im Vergleich zu historischen Originalrezepturen gemildert: Geringerer Eisenanteil, höherer pH-Wert (3,5–4,5), Korrosionsinhibitoren. Beispiele: Rohrer & Klingner Salix (Blue-Black, gemildert), Diamine Registrar’s Ink (klassische Rezeptur, dokumentenecht), Pelikan 4001 Blue-Black (gemildert, alltagstauglich). Diese Tinten gehören in eine Feder, die regelmäßig benutzt wird und nach jeder Tintenflasche gereinigt wird — keine Eisengallus-Tinte sollte länger als sechs Wochen in einer Feder stehen.
Warum die Klassen nicht mischen
Mischt man eine Farbstoff-Tinte mit einer Pigment-Tinte, bricht die kolloidale Suspension oft zusammen — die Pigmentpartikel aggregieren und fallen aus. Mischt man eine Eisengallus-Tinte mit einer Farbstoff-Tinte, reagiert die Säure der Eisengallus-Tinte mit dem Farbstoff und mit eventuell vorhandenen Stabilisatoren — unkontrollierte Farb- und Konsistenzveränderungen sind die Regel. Wer Tinten wechselt, muss die Feder zwischen den Klassen vollständig reinigen: Wasser durchspülen, Konverter füllen und entleeren, im Zweifel Ultraschallbad.
Was die Klassen-Lesart nicht verrät
Die chemische Klasse einer Tinte verrät ihre grundsätzliche Verhaltensweise — aber nicht ihre Shading-Eigenschaft (eine Farbstoff-Tinte mit besonders breitem Spektrum zeigt Strichbreiten-Variation), nicht ihre Trocknungszeit (papierabhängig), nicht ihre exakte Farbe nach Trocknung. Tinten innerhalb derselben Klasse können sich in der Praxis sehr unterschiedlich verhalten.
Trotzdem: Tinten nach Klasse zu lesen, schiebt die Wahl von der Marketing- auf die Chemie-Ebene. Das ist der Schritt, den jedes regelmäßige Lesen dieses Heftes voraussetzt.